Religiosität und Rituale
Alltägliche Spiritualität und nicht-priesterlicher Kultus

Die Handlungen des Freien Religionsunterrichts und des Bibelabendschristlich — überkonfessionell — nicht-priesterlich — auf anthroposophischer Grundlage. Die Perikopen mit Ansprachen I.

Kultisches Handeln in esoterischen Gemeinschaften
In alten Zeiten lebten die Menschen durch die Kräfte der göttlichen Welt getragen. Sie waren mit dieser Welt verbunden. Diese Verbindung wurde immer schwächer und ging schliesslich verloren. Aber heute besteht die Aufgabe der menschlichen Entwicklung darin, in Freiheit den Zusammenhang mit der Weltgeistigkeit wieder zu finden, da die überlieferten Kultusformen nur noch als unverständliche Relikte wahrgenommen werden können. Dabei ist das Bedürfnis nach Kultus durchaus in den Menschen vorhanden. Welche Gründe hatte Rudolf Steiner in seiner Esoterischen Schule und in anderen Zusammenhängen Kultusformen zu pflegen?
Das Kultusverständnis urständet im geistigen Schauen. Wir brauchen zu unserem komplizierten sozialen Leben, … die Harmonie zwischen Erkenntnis, Kunst, Religion und Sittlichkeit
(Ilkley, 5.8.1923, GA 307). Der Fortschritt der Menschheit verlangt, dass die drei selbständigen Strömungen Religion, Kunst und Wissenschaft sich immer weiter voneinander entfernen, jede Verbindung zum gemeinsamen Ursprung in alten Zeiten verlieren. Sie müssen aber, damit kein Chaos entsteht, aus Geist-Erkenntnis neu gegriffen werden.
… Dass das in sich religiös-moralisch wirkende Wesen der Anthroposophie nicht im „konfessionellen“ Sinn religionsbildend auftreten könne, dass geisteswissenschaftliche Bestrebungen nicht „ein Ersatz“ für religiöse Übung und das religiöse Leben sein sollten, dass man die Geisteswissenschaft „nicht zur Religion“ machen sollte
(Berlin, 20.2.1917, GA 175): Die Anthroposophie ist ihrem Wesen nach interreligiös. Der allen Religionen gemeinsame übersinnliche Wahrheitsgehalt soll zu einem gegenseitigen Verständnis führen. Aber die Religionsausübung innerhalb einer Konfession ist jedenfalls Privatsache des einzelnen Menschen.
Der Freiheitsimpuls, der menschheitliches Prinzip ist, gilt natürlich auch im Kultus — im Sakramentalismus. Das bedeutet auch, dass zukünftig nicht mehr einer für alle anderen das Opfer zu vollbringen hat, sondern dass der eine mit den anderen gemeinschaftlich das Gleichwerden der Menschen gegenüber
CHRISTUS erleben soll (Dornach, 23.12.1922, GA 219, siehe auch Johannes 17, Das Hohepriesterliche Gebet). (Berlin, 1.6.1908, GA 102). Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch seine eigene Religion haben soll, das würde zersplittern, sondern in fernerer Zukunft muss eine Übereinstimmung unter völliger Wahrung von Freiheit und Individualität in freien Zusammenschlüssen herrschen. Durch Verbindung mit den Mitmenschen, Liebe zu ihnen, besonders zu denen, mit denen gearbeitet wird, kann dieser Freiheitsraum gepflegt werden.
Was bisher nur auf dem Kirchenaltar vollzogen wurde, muss die ganze Welt ergreifen, muss in allen menschlichen Tätigkeiten ein Ausdruck des Übersinnlichen werden. Die äussere Wissenschaft verhindert das, weil sie vor allem dem Egoismus dient, anstatt für das grosse Weltgesetz zu forschen und zu experimentieren. Die Naturwissenschaft wird, nicht ausgesprochen, aber praktiziert, zur neuen Religion. Dagegen steht das Christlich-werden des Denkens: also statt Wissenschaftsglaube religiöse Erkenntnis. Der Labortisch, die Werkbank müssen zum Altar werden, so Rudolf Steiner in
Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit (GA 15) und im Karma des Berufes und des Menschen (GA 172). Dazu bedarf es eines langen Weges der gegenseitigen Toleranz der Menschen die am Alten festhalten wollen, und denen, die neue Wege suchen. Es werden die alten Formen so lange gebraucht, wie Menschen da sind, die sie wollen. Aber es wird immer mehr Menschen geben, die mit sich selbst fertig werden (so in Norrköping 16.7.1914, GA 115), die der Vergebung ihrer Abirrungen durch andere Menschen nicht bedürfen. Das mag ein Ideal sein, aber wenigstens der Anthroposoph darf zu diesem Ideal aufblicken (siehe oben GA 115). Viele junge Menschen suchen heute Spiritualität — das Leben muss wieder kultisch werden. Darin liegt eine Verantwortung der Anthroposophie.
In dem Kultus stecken die Mysterien, die sich in ihrer vollen Bedeutung erst in der Zukunft offenbaren werden, eben die Mysterien der kommenden Zeit. Dadurch, dass „richtige“ Kultushandlungen aus einem richtigen Erfassen der geistigen Welt hervorgegangen, gehalten werden, können in die dann untergehenden Natur- und Kulturprozesse elementar-geistige Wesenheiten, die mit der Fortentwicklung der Erde zu tun haben, helfen, die Erde aus der Vernichtung neu auferstehen zu lassen
(Dornach, 29.9.1922, GA 216). Für die neue Zeit werden entsprechende Kultusformen entstehen können, die dann Abbild sind von demjenigen, was in der geistigen Welt vorgeht (Dornach, 11.9.1923, GA 350). Voraussetzung dafür ist die Spiritualisierung des Denkens. Davon ausgehend wird man dazu kommen, alle Lebensbetätigungen zu sakramentalisieren. Dadurch werden sich aus Erkenntnis geistiger Wirklichkeiten die alten Zeremonien ändern, weil es keiner Symbole mehr bedarf (Karlsruhe, 13.10.1911, GA 131 und Dornach, 11.9.1923, GA 350). Die im März 2023 3 x 33¹/3 Jahre — also drei Generationen, 100 Jahre, alt gewordene Opferfeier, die als erste Handlung den Waldorfschulrahmen verlassen hat, steht in der Strömung, die in der freien Hochschule für Geisteswissenschaft ihre Fortsetzung findet (Gespräch René Maikowski in GA 269, Seite 132). Sie ist die Erneuerung des kultischen Kaïnsstromes im Sinn des christlichen Rosenkreuzertums und die Wiederanknüpfung an die esoterische Arbeit vor dem ersten Weltkrieg.
Hier soll ein kleiner Exkurs zum kultischen Kaïnsstrom (Erkenntnis) und dem Misraïmritus der alten Maurerei folgen: In der Tempellegende wird ausführlich über diesen Strom im Unterschied zum priesterlichen Abelsstrom (Offenbarung) dargestellt, wie Kaïn durch sein handelndes Verändern der göttlich gegebenen Welt im Gegensatz zu einigen Elohim steht, die wie Abel bewahren wollen. Kaïn verändert in Freiheit das Gewordene. Durch
CHRISTI Taten auf Golgotha  kann und muss das Getrennte — die beiden Ströme — heute wieder zusammengeführt werden. Die Werkbank soll zum Altar werden. Esoterisch wird im Neuen Anschluss an Bestehendes gesucht. Der abellitische Offenbarungsstrom wirkt in den Konfessionen von oben (Himmel) nach unten (Menschen), während der kaïnitische Erkenntnisstrom, wie in der Maurerei, von unten nach oben wirkt. Es entsteht neu ein Strom der Mitte, vom Johannes-Evangelium ausgehend, zunächst im Gral, dann bei Templern und Rosenkreuzern. Der Kaïnsstrom wird christlich! Die Schulhandlungen, Opferfeier, Sonntagshandlung usw. stehen in der Nachfolge des Stroms der Mitte.
(Aus Referaten und Redebeiträgen der Konferenz des Internationalen Religionslehrer-Gremiums 2023 in Dornach.)
Wie kann man zu einem Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit kommen, die die wahre Kommunion des Menschen ist (
31.12.1922, GA 219)? Das geht ja weit hinaus über eine Kommunion mit Brot und Wein. Friedrich Rittelmeyer schreibt in seinen Erinnerungen, dass er Rudolf Steiner die Frage gestellt hat, worin der Unterschied liegt zwischen Meditation und Kommunion; die Antwort Rudolf Steiners: Vom Rücken der Zunge an ist es dasselbe. Der Verzicht auf Egoismus, auf Eigenwillen im Denken, ist das Opfer des Intellektes und führt dazu, seine eigenen Gedanken den Meistern und den höheren Mächten selbstlos und in Ehrfurcht zur Verfügung zu stellen (Berlin 1.6.1904 ungedruckt und Penmaenmawer, 31.8.1923 und Prag, 5.4.1924), die dann wiederum, uns helfend, wirken. Ohne Opfer gibt es keinen Fortschritt, das ist das Gesetz für die geistige Welt (Berlin, 16.2.1905, GA 93). Nach einem selbstlosen, aber bewussten Opfer des Menschen kann es zur Wandlung in ihm kommen und danach, sofern beides von den hohen Göttern angenommen wird, zur Kommunion. Das ist der Vierschritt in jeder berechtigten Messe, aber auch in der persönlichen Meditation, also Verkündung (Studium) — Opferung (Opfer kommt von operare; Latein: handeln, tun, Werk. Wer tut das? Natürlich das ICH! Ich opfere also mein Handeln der GOTTHEIT auch in meinen heiligsten Gefühlen. Die Opferfeier feiert das in der Kommunion nach der inneren Wandlung und dem persönlichen Opfer;) — Wandlung — Kommunion! In der Opferfeier und einer esoterisch-kultischen Feier ist dann die Kommunion mit Brot und Wein nicht mehr nötig. Es heisst da, indem der die Handlung haltende Mensch die Stirn des Kommunikanten zwischen den Augen berührt: CHRISTI Geist lebe in dir; und die Antwort darauf: Ich darf empfangen CHRISTI Geist (GA 269).
Anfang der 1920-er Jahre kam die Frage auf, ob es innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft die Möglichkeit gibt, die Gemeinschaftsbildung ausserhalb des Religiösen der Christengemeinschaft zu verstärken. Der andere Pol der zum Handeln in Wort und Handlung führt, liegt im umgekehrten Kultus, der entstehen kann, wenn man sich in Arbeitsgruppen durch gemeinsame Erkenntnisbemühungen zu den übersinnlichen Welten hinaufbewegt. Wenn in einer Menschengruppe gemeinsames Erleben anthroposophischer Offenbarungen in rechter Gesinnung aus der geistigen Welt heraus erlebt wird, der einzelne am anderen das gemeinsame Aufwachen erlebt, dann ist das umgekehrter Kultus. … Daraus kann spezifisch anthroposophische Gemeinschaftsbildung erwachsen (
Dornach, 3.3.1923, GA 257). Dazu: Heilsam ist nur, wenn / Im Spiegel der Menschenseele / Sich bildet die ganze Gemeinschaft; / Und in der Gemeinschaft / Lebt der Einzelseele Kraft. (5.11.1920, Das Motto der Sozialethik in Wahrspruchworte GA 40).
Diese ohne äusseres Zeremoniell mögliche Form kultischen Erlebens ist ein durch spirituelle Erkenntnis erlebbarer kosmischer Kultus. Allerdings hätte Rudolf Steiner, wäre ihm eine längere Zeit des Wirkens möglich gewesen, auch einen äusserlich vollziehbaren Kultus geschaffen.
Im Frühjahr 1923 fragte Rene Maikowski Rudolf Steiner in einem persönlichen Gespräch nach einem Kultus für die anthroposophische Bewegung, man wünsche sich eine durch Kultus getragene spirituelle Substanz, um durch unmittelbaren Zusammenhang dem Geistigen entgegenzukommen. Es war die Frage, ob es für die Gesellschaft einen Kultus geben könnte. Rudolf Steiner antwortete, dass es durchaus denkbar wäre. Es könnten aber nicht die Formen der Vorkriegsesoterik sein und auch nicht diejenigen der Christengemeinschaft, die ja andersartige Grundlagen habe als die Anthroposophische Gesellschaft! Beide Bewegungen hätten verschiedene Wege und auch verschiedene Meister. Eine kultische Arbeit in der anthroposophischen Bewegung müsse aus demselben geistigen Strom hervorgehen wie die Schulhandlungen, gewissermassen eine Fortsetzung dessen werden, was in Form und Inhalt in der Opferfeier der Schule gegeben wurde. Und er deutete an, dass er darauf zurückkommen werde, nachdem er danach gefragt worden sei. Durch Rudolf Steiners Tod ist es dazu nicht mehr gekommen, ebenso wie die 2. Klasse der Hochschule nicht gegründet wurde. Ergänzend kann gesagt werden, dass eine Fülle von Ritualtexten in verschiedenen Lebenskreisen entstanden ist.
Abschliessend sei der Beschluss der Opferfeier angeführt, den man als an die Hierarchien gerichtet denken kann:
Nehmet hin dies
 / Als die opfernde Tat / Der Menschenseele.
Literaturhinweis: 10. Kapitel Die Stellung des Kultischen im esoterischen Wirken Rudolf Steiners aus dem Buch Hella Wiesbergers Rudolf Steiners esoterische Lehrtätigkeit, erschienen im Rudolf Steiner Verlag Dornach.
Tade Melchior Bai-Wendel, Februar 2023

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Das Jahr in den Ansprachen zur Jugendfeier
Vorbemerkung
Die Ansprachen zur Jugendfeier sollen das Wesentliche prägnant und für Jugendliche verstehbar darstellen. Manches könnte ohne weiteres erweitert werden, aber daran ist hierbei nicht gedacht.
Jede Ansprache bezieht sich auf das gerade stattfindende oder abgelaufene Fest einerseits und auf das Bevorstehende andererseits. Da die Jugendfeiern nur etwa alle drei bis vier Wochen stattfinden und davon die Hälfte an anderen Orten, kann es zu Überschneidungen im Text kommen.
Die Texte zur Jugendfeier sind als Arbeitsmaterial gemeinfrei. Sie dürfen von jedem kostenfrei benutzt, aber nicht verändert werden, jedenfalls ist ein Hinweis auf den Urheber zu geben:
Tade Melchior Bai-Wendel, Auf dem Rasen 8, DE - 36110 Schlitz, tade.bai@me.com Die Bilder sind u.U. nicht gemeinfrei. Die Rechte liegen bei den Verlagen: siehe unter Urheberrecht und Impressum!

Tade Melchior Bai-Wendel, Schlitz, in der Passionszeit 2019


 






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